inmitten von vollverschleierten Frauen mit Burka steht eine nachdenkliche Frau.

Burka oder nicht Burka?!

Soll man nun die (freiwillige) Vollverschleierung der Frau verbieten oder nicht?  Dient eine Burka oder ein Niqab dem Schutz der Frau oder ist sie ein Zeichen der Unterdrückung? Und warum ist ein Burkini wichtig beim Baden?

Mit was für Fragen beschäftigen sich da Politik, Medien und Gesellschaft? Alle drei genannten Kleidungsstücke dienen doch allein religiösen Zwecken. Oder? Es ist doch keine Frage der Mode oder Kultur, ob frau so ein Teil trägt oder nicht. Weshalb dann diese Diskussionen um Verbot oder Toleranz?

Fällt das Tragen einer Burka oder des Niqab wirklich unter das Vermummungsgebot und muss deshalb verboten werden? So vermummt könnten ja Attentäter darunter stecken und keiner würde sie erkennen. Erst wenn es zu spät ist; Ja hätten wir mal. Reicht die Argumentation dafür aus? Müssen diese Kleidungsstücke verboten werden? Ist die Diskussion nicht Ausdruck eines Unbehagens gegenüber dem Fremdartigen?

Oder ist das Tragen der Burka bzw. des Niqab nicht Ausdruck einer religiösen Selbstbestimmung und in einem Land, in dem Staat und Religion getrennt sind zu tolerieren. Ist es da nicht Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung, dass Frauen sowohl mit als auch ohne diese Kleidungsstücke in der Öffentlichkeit unterwegs sind?

Eine zweite, ganz andere Beobachtung:

Durch die Medien und die evangelische Landschaft ging ein Schrei der Empörung los, als OpenDoors eine Studie mit dem Titel „Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland“ vorstellte. Danach kommt es auch in Flüchtlings- und Asyleinrichtungen hierzulande zu Übergriffen und Verfolgungen von Christen durch Muslime. Fein akribisch wurde die Studie auseinander genommen um zu belegen, dass das nicht sein könne. Ja, Einzelfälle gäbe es wohl – die sind schlimm genug. Aber es sind die Umstände, das Drumherum, die zu den Übergriffen führen. Mit Religion, Islam, Christentum habe das nur sehr wenig zu tun.1

Erstaunlich ist nur, dass doch immer wieder von Übergriffen berichtet wird, aus unterschiedlichen Ecken des Landes. Alles nur den Umständen geschuldet bzw. durch sie verursacht?2 Offensichtlich ist da doch mehr dran und die Empörung über die Studie nur Zeichen einer Hilflosigkeit im Umgang mit öffentlich gelebtem Glauben, sei er nun christliche oder muslimisch.

Eine dritte Beobachtung:

Der Tagesspiegel ist in einem Beitrag vom 14.8.2016 unter dem Titel: „Wir dürfen die Flüchtlinge nicht den Evangelikalen überlassen“ der Frage nachgegangen: Warum überlassen die großen Kirchen den Evangelikalen und Zeugen Jehovas (was für eine merkwürdige Zusammenstellung) das Feld und kümmern sich nicht um die Flüchtlinge, die zum Christentum konvertieren wollen? Ausführlich wird die Situation beschrieben, wie Evangelikale, Freikirchen, Pfingstgemeinden sich um Flüchtlinge kümmern und „nicht davor zurückschrecken“ von ihrem Glauben zu erzählen und ihn zu leben. Der Beitrag schließt mit der Aufforderung an die großen Kirchen, das Feld nicht den Freikirchen, Evangelikalen und Sekten zu überlassen, sondern aktiv auf Flüchtlinge zuzugehen und sie in den landeskirchlichen Gemeinden willkommen zu heißen.

Alle drei Beobachtungen passen für mich in ein Bild: Mit dem Flüchtlingsstrom im Sommer 2015 kam auch die Frage ins Land:

Wie halten wir es in Deutschland mit dem öffentlichen Zeugnis des Glaubens?

Jahrzehntelang wurde verkündigt, dass Glauben Privatsache sei. Nur an wenigen exponierten Stellen trat er öffentlich in Erscheinung. Beispielsweise an den Eckpunkten des Lebens (Geburt, Taufe, Konfirmation, Eheschließung, Tod). Aber darüber hinaus ist er Privatsache. Und Mission, also die Aufforderung, sich öffentlich als Christ zu bekennen und entsprechend zu leben sind Dinge, mit denen man wenig zu tun haben wollte. Das ist Sache der „Fundamentalisten“, der „Evangelikalen“.

Mit den Flüchtlingen hat sich die Lage verändert. Sie sind es von ihren Heimatländern gewohnt, dass Religion und Staat eine Einheit bilden. Religion findet im öffentlichen Raum, im alltäglichen Leben statt und ist nicht beschränkt auf‘s Private oder bestimmte Gebäude. Mit diesem Selbstverständnis kommen sie nach Europa und erleben eine andere Welt.

Zwangsläufig führt das zu Diskussionen, zu Auseinandersetzungen und es führt dazu, dass wir in Deutschland erklären müssen, wie wir es denn mit dem Christentum, dem Glauben und dem Leben als Christen halten.

Öffentlich gelebter Islam (verstärkt durch die zugewanderten Flüchtlinge) trifft auf privates Christentum. Ganz selbstverständlich reden muslimische Flüchtlinge über ihren Glauben, die Gebetszeiten, ihr religiöses Leben, die Speisevorschriften usw. und erwarten, dass ihr Glauben im beruflichen Alltag bzw. öffentlichen Leben respektiert und beachtet wird. Von den Christen hier erwarten sie auch, dass sie ihren Glauben leben. Vielfach klappt das aber nicht, weil es hierzulande die meisten Menschen verlernt haben, über ihren persönlichen Glauben zu sprechen. Er ist so weit ins Private zurückgezogen, dass die wenigsten „sprachfähig“ sind. Fertige Floskeln aus Kindertagen, stereotype Sätze die zitiert werden, sind dann oft das einzige. Aber über persönliche Glaubensdinge sprechen? Oft sind es dann nur die Evangelikalen bzw. die Freikirchen, bei denen es für die meisten selbstverständlich ist, über ihren Glauben zu reden. Die Anfragen und Erwartungen nach Antworten, richten sich aber an alle hier lebenden Menschen. Von ihnen wird erwartet, dass sie Position beziehen getreu der Frage von Gretchen an Faust: Sag, wie hältst du es mit der Religion?

Und auch wer konvertieren will tut dies, weil er oder sie hier im Land erstmals die Chance dazu hat. In den Heimatländern gab es keinen Weg, gefahrlos zum Christentum zu konvertieren. Das hat nicht immer was mit Asylgründen, Schutz vor Abschiebung etc. zu tun. Sondern entspricht einer persönlichen Lebensführung, die für manchen hier schwer vorstellbar ist.

Ich meine, dass diese Situation immer mehr zu einer großen Herausforderung wird für Christen in Landes- und Freikirchen. Sehr viel stärker und womöglich auch schneller werden wir alle miteinander lernen müssen, über den (persönlichen) Glauben und seine praktische Umsetzung im Alltag zu reden, weil wir durch die Flüchtlinge und die gewachsene Zahl an Muslimen in Deutschland dazu herausgefordert werden.

Sie erwarten, dass wir unsere Werte, unsere Grundlagen benennen und mit ihnen darüber diskutieren. Wenn sie sehen, dass sie für uns beliebig, ja zum Teil auch austauschbar sind, das der Glauben und ein christliches Leben so privat sind, dass es versteckt wird, empfinden sie das Christentum als schwach und sehen es als überflüssig an. Dann sehen sie sich in einer Position der Stärke und Überlegenheit aus der heraus sie die Regeln bestimmen wollen. Deshalb ist ein klares Bekenntnis so wichtig. Nicht zum Überstülpen oder Bevormunden, sondern um einen Standpunkt, eine klare Position  zu beziehen. Der Glaube und das Leben als Christ gehören da selbstverständlich hinzu.

Zu DDR-Zeiten gab es einen Metall-Anstecker mit der Aufschrift „Jesus lebt“. Wer den in der Öffentlichkeit (z.B. als Schüler in der Schule) trug, fiel auf und stand schnell unter besonderer Beobachtung. Der Vergleich zum Parteiabzeichen lag nahe. Aber es war auch ein Erkennungszeichen unter Christen und verband Menschen, die sich vorher nicht kannten. Es hatte etwas von einem Bekenntnis.

Die Diskussion um ein Burkaverbot ist deshalb nur ein Symptom für die viel weitreichendere Frage, wie Christen in Landes- und Freikirchen zu ihrem Glauben stehen und ob sie ihn artikulieren können. Glauben, Christsein ins Private zu verorten war einmal. Je länger je mehr werden Christen herausgefordert, Standpunkt zu beziehen und über ihren persönlichen Glauben zu reden. Die Fähigkeit zum Reden kann man lernen, zum Beispiel in Kirchen und Gemeinden.

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Artikel: Weil sie Christen sind?, Frankfurter Allgemeine, 23.05.2016

Artikel: Die Welt, 9.8.2016: Muslimische Flüchtlinge bedrohen Christen mit dem Tod


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