Straßenkünstler mit einer Live-Performance in Queenstown

Auf dem Weg in eine empathielose Gesellschaft?

„Empathie muss man sich leisten können.“ „Ich wünsche mir mehr Anerkennung. Empathie brauche ich nicht.“ „Ich kann damit nichts anfangen.“ „Empa.. was? Kenne ich nicht.“

Zerfällt unsere Gesellschaft in einzelne Grüppchen, die sich in großer Empörung gegenüberstehen, statt in Empathie einander zu helfen?

Was geht euch durch den Kopf, beim Lesen dieser Sätze? Ist Empathie wirklich etwas für alte, weiße Frauen und Männer und hat in einer modernen Gesellschaft nichts verloren? Eine Spurensuche.

Den letzten Anstoß diesem Thema einmal nachzugehen, gaben mir zwei Ereignisse der letzten Wochen. Auf den ersten Blick haben sie nichts mit dem Thema zu tun. Bei näherem Hinsehen zeigen sie aber, dass genau das Fehlen von Empathie, also dem Hineinversetzen in die Argumente eines Gegenübers und ihn oder sie wertzuschätzen, zu solchen Entwicklungen führt.

Wolfgang Thierse hat in seinem FAZ-Beitrag die Frage gestellt, wieviel Identitätspolitik eine Gesellschaft verträgt. Sein Credo: “Identitätspolitik darf nicht zum Grabenkampf werden, der den Gemeinsinn zerstört: Wir brauchen eine neue Solidarität”. Einige führende Kräfte der SPD nannten dies eine rückwärtsgewandte Sicht. Der Streit eskalierte.

An anderer Stelle war es eine Podiumsdiskussion zum Thema: “Kultur schafft Demokratie”, organisiert von Gesine Schwan. Auch hier erhitzten sich die Gemüter. Was dieser virtuellen Podiumsdiskussion die allgemeine Aufmerksamkeit verschaffte war die fehlende Kultur. Statt einem Wettstreit von Meinungen, einem Für und Wider der Ansichten fühlte sich eine Seite diskriminiert und machte mit Schreien und Wutausbrüchen jegliche Diskussion zunichte. Es war eine Gruppe die für sich das Recht in Anspruch nahm gehört zu werden und die ihre Sicht absolut setzte.

Mehr Empörung statt Empathie?

Ist das die neue Art des Umgangs, der Diskussion, dass anderen Meinungen mit Angriff, Diffamierung und Niederschreien zum Schweigen gebracht werden? Auch wenn dies zufällig zwei Beispiele aus der SPD sind, so stehen sie doch exemplarisch für eine Haltung, die anderswo genauso zu beobachten ist. Es geht längst nicht mehr um ein faires Miteinander oder einen Diskurs, der von gegenseitigem Respekt getragen ist. Am Ende zählt nur, wer die gegnerische Seite so in die Defensive gedrängt hat, dass nur noch die eigene Meinung stehen bleibt.

In so einer Welt hat Empathie, eben jener Respekt vor anderen Sichtweisen und Meinungen, verloren. Nicht das wechselseitige Verstehen, sondern das Durchsetzen der eigenen Sicht und Position bilden das Maß der Dinge. Koste es was es wolle. Für eine Gesellschaft im Großen oder Kleinen ist so eine Entwicklung tödlich.

Die beiden Beispiele mögen Extreme sein und doch begegnen sie mir zunehmend in gleicher, ähnlicher oder auch abgeschwächter Form im Alltag. Dabei wird so viel von Wertschätzung, Lob und Anerkennung geredet, ja gesagt, wie wichtig das sei. Gemeint sind aber immer die anderen, die bitte schön empathisch, respektvoll und wertschätzend reden und handeln sollen. Man selbst praktiziere das doch.

Sind wir wirklich schon so weit gekommen, dass der Eingangssatz stimmt und uns als Gesellschaft Empathie oder der Respekt vor anderen Meinungen verlorengeht?

Nein, mögen Optimisten einwenden. Es gibt sehr viele Punkte und Zeiten im Leben, an denen der Mensch zutiefst empathisch reagiert und handelt. Sehr gut nachvollziehen lässt sich das an den Kreuzpunkten des Lebens, wie Geburt, Konfirmation, Heirat oder in Trauerzeiten. Aber auch bei anderen wichtigen Weichenstellungen im Leben, etwa wenn es um die Berufswahl, einen Job- oder Wohnungswechsel geht, spielt das Mit-Freuen oder eben Empathie eine Rolle. Ebenso lassen einen auch Lebenskrisen enger zusammenstehen mit engen Freunde, der Familie.

Gesellschaftlich sind es (Natur-) Katastrophen, tragische Ereignisse, die einen größeren Kreis betreffen. Sie lösen ein Gefühl des Zusammenstehens, des Mit-Leidens oder Mit-Tragens aus. Man steht zueinander, zeigt Anteilnahme, Mitgefühl. 

Es gibt sie sehr wohl, die empathischen Zeiten und Momente, in denen Menschen andere Menschen sehen, zueinanderstehen und Freude oder Leid miteinanderteilen. In denen geholfen und beigestanden wird. Aber oft genug trägt das nur für einen begrenzten Zeitraum. Danach zerfällt das Miteinander wieder.

Gründe für den Verlust an Empathie

Woran liegt es, dass Empathie zwar viel gewünscht und erwartet wird, aber gleichzeitig immer mehr zu verschwinden scheint.

Verlustangst

Oft unbewusst wird mit Empathie oder Mitgefühl die Vorstellung verbunden, die andere Seite erwartet etwas. Wenn man also Mitgefühl zeige macht man sich angreifbar und zeigt eine offene Seite, die dann ausgenutzt werden kann. Mitgefühl zeigen bedeutet Schwäche, Dazu ist man selbst aber nicht bereit, egal aus welchen Gründen.

2015, als syrische und afghanische Flüchtlinge nach Europa kamen war die Rede von einer „Flüchtlingswelle“, man werde „überschwemmt“, „verliert seine Identität als Deutscher“, Überfremdung, usw. usw. Alles Begriffe, die einen Menschen in Not nicht mehr als Individuum betrachten, sondern als Masse. Vor Naturgewalten schützen Mauern und Bollwerke. Das ist praktische „Gefahrenabwehr“. Hier braucht man nicht empathisch sein. Deshalb wurden in dem Zusammenhang vielfach Begriffe verwendet, die genau das Empathische nicht erfordern.

“Ich-Stärke”

Auch das ist eine meiner Beobachtungen: Wer zuhört, die Argumente der Gegenseite respektiert, wertschätzt und achtet, hat verloren. Es geht nicht darum, den besten gemeinsamen Weg zu finden, mal das Argument der Gegenseite aufzunehmen und einzugestehen: ja, das ist richtig oder zumindest eine gute Option, die umgesetzt werden sollte. Es geht einzig darum, die eigene Position als alternativlos durchzusetzen. Gemeinsam Lösungen finden, teamorientiert arbeiten wird zwar oft gewünscht und in Stellenausschreibungen genannt, aber im Alltag gewinnt, wer sich am besten, schnellsten durchsetzt. 

Es ist wie in den Beispielen eingangs beschrieben. Jede Gruppe hat ein Recht gehört und geachtet zu werden. Koste was es wolle. Das WIR wird beschränkt auf Interessensgruppen, Menschen gleicher Gesinnung und Meinung. Empathie, zuhören, teamorientiert handeln kann man sich im Alltag nicht (mehr) leisten.

Die Darstellung ist überzogen? Wer mit Abstand und Distanz in den Alltag blickt wird leider allzu oft diese Einstellung vorfinden. 

Wohlstand

Wer wenig hat, teilt gern. Wer viel hat, hat Sorge zu verlieren. Wir leben in einer langen Zeit des Friedens. Unsere Eltern konnten einen Wohlstand aufbauen, von dem die jüngeren Generationen profitieren und den sie weiter ausbauen können. Dieser Wohlstand führt auch dazu, dass der Wunsch ihn zu vermehren immer größer ist, als der Blick auf den Nächsten, der vielleicht meine Hilfe braucht.

Wenn es einem gut geht, ist man weniger auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Man schafft es selbst. Die eigenen Ressourcen reichen aus. Auch diese Einstellung führt dazu, dass Empathie, die Eigenschaft, den anderen wahrzunehmen als Mensch in seiner Gesamtheit immer weniger vorkommt. Er oder sie könnte ja etwas von mir brauchen. Meinen Rat, meine Zeit, meine Ressourcen. Besser nicht hinsehen, dann weiß man nichts und ist für nichts verantwortlich. Jeder kann es selbst schaffen.

Die Liste ließe sich bestimmt noch verlängern. Aber wie lässt sich das ändern? Wie kann der Mensch wieder Mensch sein, für den andern, den Nächsten?

Wie können wir Empathie gewinnen?

Oder anders gefragt: Was braucht es, damit wir weniger empört und mehr empathisch, d.h. einander zugewandt agieren und so das Gemeinsame statt das Trennende zu stärken?

Zuhören

Immer wieder fordert die Bibel dazu auf, schnell im Hören, aber langsam im Reden und Handeln zu sein. Da ist was dran. Denn Zuhören und nicht sofort mit eigenen Wahrheiten antworten schafft Raum zum Verstehen, zum Überlegen und Nachdenken. Warum sagt sie das jetzt so, was ist ihm wichtig, gerade an diesem Punkt? Wie könnte ein gemeinsamer Weg aussehen? Wer so zuhört, achtet sein Gegenüber. 

2.  Hinsehen

Empathische Menschen “sehen” das Gegenüber. Sie nehmen wahr, was an Körperspannung da ist, was Gestik und Mimik vermitteln, die Worte aber nicht ausdrücken. Sie sehen den ganzen Menschen und vermitteln ihm Respekt und Wertschätzung. Gerade in schwierigen Situationen ist dies ein unschätzbarer Vorteil weil diese Einstellung zu einem konstruktiven Miteinander führt. Nur wer hinsieht kann wahrnehmen und verstehen. 

3. Fühlen

Sich in den anderen Hineinversetzen bedeutet, die eigene Burg zu verlassen und ein Verständnis zu entwickeln für das Gegenüber. Das mag im ersten Moment aussehen wie ein Zeichen von Schwäche. Aber wer sich in einen anderen Menschen hineinversetzen, seine Motivation und sein Verständnis nachvollziehen kann, ist auf dem besten Weg Lösungen zu finden und Gemeinsamkeiten zu stärken.

Es mag noch weitere Gründe geben, warum Empathie wichtig ist und wir heute eher mehr als weniger brauchen. Denn wenn sie uns als Mit-Menschen verloren geht, zerfällt eine Gesellschaft in viele Grüppchen, die alle nicht mehr miteinander sondern gegeneinander stehen und handeln. Ein Miteinander gibt es dann nur noch temporär, nämlich solange, wie es den eigenen Zielen nützt. Aber das ist für eine Gesellschaft zu wenig. 

Fazit

Empathie ist nichts, was sich in einem Kurs schnell lernen lässt und dann hat man’s drauf. Es braucht Übung und Lernen trotz Scheitern. Aber gerade darin liegt die Chance und der Nutzen. Nur wer sich darauf einlässt kann gewinnen. Ohne Empathie, das Mit-Freuen, Mit-Leiden, Mit-Gehen, Zueinander-Stehen wird eine Gesellschaft oder auch eine Gemeinschaft von Menschen ärmer und verliert. Denn wer im anderen immer nur den Gegner sieht, nicht den Mitmensch, wird misstrauisch, voller Angst und Sorgen. Letztlich verliert man dadurch sein Menschsein, weil nur noch Angst, Sorgen und Abwehr einen bestimmen und die Seele umklammern.

Was wir insgesamt brauchen ist mehr Miteinander, mehr Wertschätzung und Respekt. Wir sind gemeinsam mit unseren Mit-Menschen unterwegs und bauen an einer besseren Welt. Das geht nur gemeinsam, im Geben und Nehmen, mit offenen Ohren, Augen und einem zugewandten Herzen.


Schreibe einen Kommentar