Bunter Wegweiser zeigt in alle Richtungen

„Was möchtest du wieder verlernen?“

Neulich kam bei mir ein Newsletter mit genau diesem Betreff an: „Was möchtest Du wieder verlernen, Stephan?“ Verlernen – ist das nicht die verkehrte Richtung? Müsste es nicht eher heißen: Was willst du lernen, welche Qualifikation fehlt dir, wo kannst du deine Skills noch verbessern. Stattdessen lautet die Frage: Müssen wir Dinge verlernen. Der Satz provoziert, regt zum Nachdenken an. Denn es gibt gute Gründe, ihm zuzustimmen und ihn gleichzeitig abzulehnen.

Man lernt nie aus

Das ist der Grundgedanke, den die meisten sicher von Kindesbeinen an kennen: Lernen gehört zum Leben dazu, wie Essen, Trinken, Schlafen usw. Das ganze Leben ist vom „Lernen“ bestimmt. Anfangs ist es die Sprache, es sind die „Regeln“ in der Familie, der Wissensstoff in der Schule, Ausbildung, Beruf.

Wer aufhört zu lernen, bleibt irgendwann auf einem Wissensstand stehen und wird über kurz oder lang abgehängt. Die eigne Entwicklung und auch die der Menschheit geht immer weiter, vorwärts. Denn es ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, neugierig zu sein, zu lernen, sich Wissen anzueignen und so zur eigenen Weiterentwicklung und auch der der Gemeinschaft beizutragen.

Verlernen ist Alltag

Gleichzeitig gehört es dazu, dass neu erworbenes Wissen bewertet und abgeglichen wird mit dem vorhandenen. Nicht jede neue Erkenntnis verdient es, „bewahrt“ zu werden. Manches kann man auch getrost vergessen. Anderes wieder überholt sich durch neue Erkenntnisse. Lernen ist so ein immerwährender Prozess des Aneignens und Vergessens. Ein ständiger Kreislauf.

Das klingt beim ersten Hören vielleicht anstrengend, ist für unseren Geist aber normales Alltagsgeschäft. Alles, was man sieht, liest oder sonst wahrnimmt, wird in Sekundenbruchteilen bewertet, klassifiziert, abgeglichen und einsortiert. Und deshalb ist „Verlernen“ jetzt auch nichts Weltbewegendes oder etwas besonders Außergewöhnliches. Es ist eine normale Seite beim Lernen.

Das Gehirn, unsere Speicher, prüft alles hereinkommende Wissen und sortiert es dann ein. Manches muss präsent bleiben, schnell abrufbar. Wieder anderes legt es auf die Seite und manches wird besser „vergraben“ – für den Notfall oder weil es zu selten gebraucht wird.

Nicht umsonst brauchen lange zurückliegende Ereignisse (z.B. aus der Kindheit oder Schulzeit) oder auch traumatische Erlebnisse erst sogenannte Trigger, um aus dem gespeicherten Wissen wieder ins Bewusstsein zu kommen.

Insofern ist das schon sehr gut eingerichtet, dass wir Menschen lernen, bewerten, speichern, vergessen und eben auch verlernen.

Verlernen, um zu Leben

In dem Zusammenhang fällt mir eine Passage aus dem IX. Star-Trek-Film: Der Aufstand ein. Der Plot des Films lässt sich überall im Netz nachlesen (z.B. auf Wikipedia)  und auf den Streaming-Plattformen lässt er sich bestimmt auch finden. Worauf es mir ankommt: Das Volk der Ba’ku lebt irgendwo auf einem Planeten in immerwährender Jugend. Sie leben friedlich und im Einklang mit der Natur, wollen von fortschrittlichen Technologien nichts wissen. Auf das Ansinnen der Crew der Enterprise, sie zu beschützen, da sie ja „nur“ ein einfaches Volk wären und ihnen moderne Hochtechnologie fehlen würde entgegnen ihnen die Ba’ku, dass sie das Wissen über moderne Technologien haben, sie aber nicht einsetzen (Warp-Antrieb). „Es würde uns nur wegbringen von hier und hier sind wir zufrieden und glücklich.“

Verlernen, um zu leben, so könnte diese Szene überschrieben werden. Wäre das schon die Erklärung für die Eingangsfrage? Dass nämlich ein immerwährendes Jagen nach Wissen einen Durst und Hunger nach selbigem auslöst, der letztlich nicht gestillt werden kann. ein unendlicher Kreislauf entstünde.

Würde daher das „Verlernen“ letztlich bedeuten, zum Kern des Lebens zu gelangen? Man könnte endlich leben und genießen, die Jag nach neuen Höhepunkten und Erfolgen hätte ein Ende. Ist es das?

Werden wie die Kinder

„Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich kommen, das der Himmel regiert“,

Matthäus 18,3 NeÜ

so hat es Jesus zu seinen Jüngern gesagt, als sie ihn fragten, wer denn der Größte sei. Also in der Entwicklung einige Schritte zurückgehen, lautet die Devise. Nich Wissen, Macht, EInfluss oder Kompetenz sind die entscheidenden Kriterien. Einfach mal vergessen, was man gelernt hat, Erfahrungen beiseitelegen. Das bewusste, strategisch geplante Vorgehen außer Acht lassen, die Selbstoptimierung aussetzen und etwas mehr Unbekümmert sein leben, Vertrauen wagen, nicht alles kontrollieren, sondern auch mal weniger Sorgen machen. Das ist die Voraussetzung

Werden wie die Kinder heißt auch: nicht alles rational betrachten, sondern mehr Staunen, einfach mal machen und vor allem leben. Weniger in der Erwartung auf morgen, sondern im Heute. Wenn das mal so einfach wäre… Aber wie würde meine (oder deine) Antwort auf die Frage lauten:

Wohin möchte ich zurück?

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht um eine Haltung: Früher war alles besser. Das war es nämlich auch nicht. Aber manches von früher wünschte ich mir heute auch. Ein paar Beispiele gefällig?

  • Weniger Sorgen machen.
    Als Kind wusste ich, um das Tägliche kümmern sich die Eltern. Sie sorgen dafür, das brauche ich nicht.
  • Unbekümmert fröhlich sein.
    Wie unbeschwert können Kinder doch sein. Wie kontrolliert dagegen Erwachsene. Wenn sie mal unbeschwert sind, heißt es schnell, die sind ja albern.
  • Mehr wagen
    Als Kind probiert man mehr aus – als Erwachsener „weiß“ man oft, wie Dinge ausgehen und probiert weniger. Es wird mehr überlegt.

Die Reihe lässt sich bestimmt fortsetzen. Vielleicht möchtet Ihr sie ja in den Kommentaren ergänzen (?)

Fazit

Ich denke, dass wir manches „Erwachsenen-Ding“ wieder verlernen sollten und mehr von den Kindern lernen, so wie es Jesus angeregt hat. Lernen hat nämlich nicht nur die eine Richtung nach immer mehr, immer höher und weiter. Wenn zu viel Wissen da ist, nur gelernt wird, aber nicht angewendet, abgewogen, geprüft und bewertet, nützt das alles nichts. Und in diesen Reigen gehört dann auch das „Verlernen“ hinein. Also ruhig auch mal das eine oder andere beiseitelegen, „vergessen“ und auf das achten, worauf es ankommt, was wirklich zählt.


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