Menschen stehen vor der ehemaligen MAuer in der Wollankstr. und schlagen Steine raus.

Was ist Freiheit?

61 Jahre ist es jetzt her, dass am 13. August 1961 quer durch Deutschland eine Mauer gebaut wurde. Das Sinnbild schlechthin für Un-Freiheit. Am 9. November 1989 fiel diese Mauer, 28 Jahre später. Grund genug einmal innezuhalten und darüber nachzudenken: Was ist Freiheit?

Freiheit, die ich meine

Jede und jeder von uns erlebt Freiheit anders. Da sind persönliche Erfahrungswerte, die eigenen Wertevorstellungen, die die persönliche Sichtweise dessen, was Freiheit ist, bestimmen. Mir geht es bei diesem Nachdenken auch weniger um die großen Linien, das politische Weltgeschehen oder einen globalen Begriff von Freiheit. Wobei man immer auch berücksichtigen muss, vor welchem Hintergrund die Definition erfolgt. Ein Europäer beschreibt das anders als ein Amerikaner, Asiate oder Afrikaner. Jeder hat seine persönliche Sicht.

Vor 1989, im Osten geboren, in Berlin aufgewachsen (mit der Mauer in der Stadt), verband sich Freiheit oft mit den folgenden Themen:

  • Reisefreiheit: in den anderen Teil der Stadt fahren dürfen
  • Wahlfreiheit: im Geschäft auswählen dürfen zwischen mehreren Angeboten
  • Berufswahl: den Beruf ergreifen dürfen, den man möchte, ohne dafür das „richtige“ Parteibuch haben zu müssen.
  • Freiheit des Denkens: eine eigene Meinung haben zu dürfen, sie auch sagen zu können.

Das sind jetzt nur vier Beispiele, die mir spontan eingefallen sind. Sicher gibt es weitere.

Dies alles nach 1989 erleben zu dürfen, war und ist ein Geschenk. Nichts Verdientes, Erarbeitetes. Es ist ein Geschenk, dass die Mauer fiel, ohne Blutvergießen.

Die Dankbarkeit und Freude von damals hat sich im Laufe der letzten Jahre verändert. Es war ein unbeschreibbares Glücksgefühl, die erhoffte und gewünschte Freiheit endlich erleben zu dürfen, ja: sie in vollen Zügen zu genießen. Der Kater kam dann später, als der Alltag begann und auch die Schattenseiten der neuen Freiheit sichtbar wurden.

Freiheit, die ich lebe

Nicht jeder konnte aber in der Wendezeit mit der neu gewonnenen Freiheit etwas anfangen. Die gewohnte Struktur war auf einen Schlag weg, man musste sich neu sortieren. Es galten andere Regeln. Sicherheiten, die es jahrelang gab (jeder hat einen Job, eine Wohnung, ein Einkommen – ein Leben lang, der Staat sorgt für einen, usw.), all das galt von einem Tag auf den anderen nicht mehr.

Die eigene Welt hörte auf zu existieren, weil die Regeln sich geändert haben. Was war die schöne neue Freiheit wert, wenn die Sicherheit des Lebens fehlte?

Wer den Umschwung schaffte, gehörte schnell zu den kleinen und großen Gewinnern. Nicht jedem war das aber vergönnt. Es entstanden neue „Welt-Sichten“, in denen man sich einrichtete. Vielleicht etwas DDR-Nostalgie oder eine Mischung aus „Früher-war-auch-nicht-alles-schlecht“ und heute.

Man schuf sich seine persönliche „Freiheit“, so gut es eben ging. Der Umbruch, die Unsicherheiten aus der Nachwendezeit waren einem neuen „Normal“ gewichen. Reisen können, beim Einkauf aus-wählen, sagen was man denkt, wählen oder nicht wählen gehen. Die „Freiheit“ des Westens war auch im Osten angekommen. Nur anders. Weil man eben die Überrumpelung aus der Wendezeit nicht vergessen hat.

 

„Bedrohte“ Freiheit

Und dann kamen die Flüchtlinge. Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Bedrohung fliehen mussten. War es anfangs noch selbstverständlich zu helfen, so schlug die Stimmung ziemlich bald um, weil die vielen geflüchteten Menschen als Bedrohung der eigenen Freiheit gesehen wurden. Sie brachten ihre Werte und Vorstellungen mit, die aber so ganz anders waren als alles, was sie hier vorfanden.

Auf der einen Seite eine Willkommenskultur ohne Regeln, bei der jede und jeder seine Werte leben durfte und die Mischung als „Bereicherung“ gesehen wurde und auf der anderen Seite diejenigen, die die Zugewanderten als Bedrohung empfanden, weil sie sich nicht an die Regeln im Gastland hielten oder nur zögerlich. Jeder brachte seine Vorstellung von Freiheit mit und jeder verstand darunter etwas anderes. Bis heute haben wir mit den Folgen zu tun und müssen lernen, ein gemeinsames Werteverständnis zu schaffen, das jenseits einer synkretistischen Willkommenskultur und einer starren Forderung nach Anpassung aller Zugewanderten funktioniert.

Freiheit braucht Regeln und gelingt nicht ohne sie.

Freiheit heute leben

Nicht zuletzt die zurückliegenden Jahre der Einschränkung durch Corona, mit Maske, Abstand, Impfen, Homeoffice, Digitalisierung usw. haben noch einmal eine andere Sicht gebracht.

Und es gibt weitere Themenfelder, die deutlich machen, dass Freiheit kein Allgemeingut, keine Selbstverständlichkeit ist. Wer sich zum Beispiel kritisch gegenüber dem Gendern in der deutschen Sprache äußert, wer Ehe für alle kritisch sieht und hier eine andere Sicht hat, wird schnell ausgegrenzt, beschimpft und so gut es geht zum Schweigen gebracht. Auch wer politisch anders denkt als die Mehrheit, andere Sichtweisen hat, wird sehr schnell ausgegrenzt.

Deshalb ist es immer wieder auch die Frage: Wie viel Individualität im Denken, in der Meinung können und wollen wir zulassen? Das gilt übrigens nicht nur im Großen, sondern vor allem auch in der privaten Welt.

Corona hat dazu geführt, dass Familien sich streiten und aufteilen in Befürworter und Gegner der jeweiligen Maßnahmen. Mancher Streit wird da sehr erbittert geführt.

Aber ist das die neue Freiheit? Müssen wir nicht vielmehr wieder lernen, miteinander zu leben und Freiheit als das zu sehen, was sie ist: Die Freiheit zu reden, zu denken, die eigene Meinung zu haben und mit dem anderen herrlich zu streiten, ihn aber als Mensch zu akzeptieren (und hinterher ein Bier trinken zu gehen).

Freiheit heißt auch, das Gemeinsame zu suchen, bei unterschiedlichen, ja divergierenden Positionen. Dabei darf sich jeder seiner Meinung und Sichtweise gewiss sein. Freiheit ist nicht die Unterordnung und Einordung in eine einheitliche Sichtweise, bei der abweichende Meinungen eliminiert werden müssen.

Vielleicht müssen wir heute, im Jahr 2022, zwei Jahre nach Corona, sieben Jahre nach den Flüchtlingen, 33 Jahre nach dem Mauerfall und 61 Jahre nach dem Mauerbau wieder überlegen und beschreiben, was Freiheit heißt.

Wir dürfen dankbar sein für das Geschenk des unblutigen Mauerfalls. Wir müssen aber täglich lernen, dass Freiheit einem nicht in den Schoß fällt, sondern gelebt werden will im Großen und im Kleinen, in der Familie, im Beruf und der Gesellschaft. Das kann jede und jeder tun, in seiner eigenen Welt.


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