Blick in die Halle mit den Ständen

#rpTEN – Wie war’s?

Das war sie. Meine erste re:publica. Damit gehöre ich zu den 4.000 Besucherinnen und Besuchern, die das erste Mal auf der re:publica waren. Die anderen 4.000 waren schon öfter da. Am Montag werden mich die Kolleginnen und Kollegen fragen: Und wie war’s? Was sage ich da?

Mein erster Eindruck:

Ein großes Klassentreffen. Die Szene feiert sich. Zehn Jahre re:publica. Was hat sich in dieser Zeit nicht alles entwickelt und wie haben wir uns verändert, pardon weiter entwickelt. Geprägt vom Rückblick und dem Willen weiter zu machen, so stellt sich mir der erste Tag dar. Ja, es war interessant. Aber umwerfend doch wiederum eher nicht. Hier traf sich eine Szene, die sich kannte. Aufgebrochen, die Welt zu verändern, die Dinge grundlegend neu zu denken und zu betrachten, landete man doch wieder im Jetzt und Hier.

Die technischen Neuigkeiten (VR, 360°-Video, 3D-Druck, usw.) das gibt es weitaus größer und breiter auf der Hannover-Messe. Also was macht den Reiz dieser Konferenz aus? Die Vorträge? Die Sessions? Die Begegnungen? Ich denke, man muss das Gesamtbild betrachten, dann gewinnt man eine Ahnung von dem, was hier geschieht.

Es ist die Bewegung von Menschen, die Digitales als Teil des Lebens betrachten. Online ist Offline und umgekehrt. Beides lässt sich nicht trennen oder aufspalten (obwohl viele Zeitgenossen das noch meinen). Die Konferenz ist geprägt von viel Begeisterung, Interesse an Themen, Menschen, Begegnungen. Ganz unkompliziert gelingt der Austausch. Und es ist immer auch die Suche danach, wie der Mensch das Digitale steuern, kontrollieren und positiv sinnvoll nutzen kann. Zugleich muss der Mensch aber feststellen, dass er gesteuert, ja mitunter auch manipuliert wird.

“Wie umgehen mit Hass im Netz?”,

ist so ein viel diskutiertes Thema, dass Verunsicherung und den Willen zum Gegensteuern zugleich ausdrückt. “Organisierte Liebe” nannte es die Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüşay in ihrem Vortrag. Er machte mich auch im Nachhinein betroffen im Hören. Leider blieb für mein Verständnis die Autorin die Erklärung schuldig, wie denn nun “Liebe organisiert” werden kann. Was ist zu tun, um dem organisierten Hass entgegenzuwirken?
Hass, Verachtung, Beleidigung kenne ich aus der Shitstorm-Geschichte der Diakonie zur “Bändchen-Aktion”. Es genügten ein, zwei Posts in der richtigen Gruppe und schon ging die Empörungswelle los. Aus meiner Sicht war dann das Dagegenhalten, Hinterfragen, Standpunktzeigen durch Kolleginnen und Kollegen aus der kirchlichen Internetszene eine Form von “organisierter Liebe”. Denn hier wurde der negativen Meinungsmache nicht der Raum gelassen.  Aber wie gelingt uns das in der Gesellschaft? In größeren, allgemeineren Kreisen?

Das andere große Thema war Snapchat. Ok. Darum habe ich einen Bogen gemacht und werde das Thema nachholen. Versprochen 😉

Mein absolutes Highlight

war der Vortrag von Günter Dueck: Cargokulte. Unbedingt anschauen! Er beschreibt darin Situationen in Politik, Gesellschaft, Unternehmen (Management) bei denen es nur darum geht Landebahnen zu bauen und Türme zu setzen. Alles in der Hoffnung, die Lösungen werden schon vom Himmel fallen. Ein paar Gedanken aus dem Vortrag:

  • Vieles ist von großen Ideen bestimmt, aber in der Umsetzung werden sie zerredet und aufgerieben, so dass nichts bleibt.
  • Wer nur im Team denkt und handelt, gewinnt keine neuen Perspektiven. In Teams entstehen keine Innovationen, da sie oft nicht über den eigenen Horizont hinaus kommen.
  • Fehler werden mit (Selbst-)Motivation kaschiert.
  • Manager brauchen Buzzwörter zur Beschäftigung ihrer Mitarbeiter. (Breakout-Session, Design Thinking, Kickoff-Meeting, usw.).

Solange nicht der Wille zum Wollen und Handeln wird, endet es immer wieder in einem “CargoKult”: Einer Beschäftigung um seiner selbst willen oder nur zum Schein: Man tut ja was…. Seine Aufforderung: Man muss das Wollen wollen und dann auch tun!

Themen der Ränder?

Ein weiterer Gedanke ist bei mir hängengeblieben aus einem weiteren Vortrag (vermutlich: die pubertäre Gesellschaft und das Netz):

Online wirkt mitunter wie eine große Linse: da werden Themen und Ansichten aus den Nischen ins Rampenlicht geholt. Die Themen, Stammtischparolen usw. gab es schon immer. Durch das Internet “vernetzen” sie sich jetzt und bekommen eine viel größere Aufmerksamkeit. Und wer sich zudem noch gut vernetzt, gewinnt die Deutungshoheit. Vielfach bewegt sich die Gesellschaft im Mainstream der Meinungen. Rechte und linke Ausreißer im Meinungsstream hat es immer schon gegeben. Nur waren sie nicht so präsent, wie der Mainstream. Das Netz verhilft ihnen aber zu einer Aufmerksamkeit und Deutung, “als wären sie der Mainstream”.

Fazit

Daneben waren es die Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen, dem FabLAB, den VR-Eindrücken, die für mich die Tage dann doch interessant gemacht haben. Nicht zuletzt natürlich das #weWork-Treffen im Evangelischen Werk 😉

Wobei für mich auch gleich eine Frage am Ende offen bleibt: Die Avantgarde der kirchlichen Internetszene traf man auf der re:publica. Kirchliche, diakonische Themen und Bilder tauchten sehr oft auf. Aber als Teil der Gesellschaft blieben Kirche und Diakonie und Caritas erstaunlich unsichtbar. Gerade bei so einer Konferenz, die für sich den Anspruch hegt, die digitale Welt mit der Kohlenstoffwelt zu verbinden, die Chancen des Digitalen zu nutzen und zugleich die Risiken und Gefahren sichtbar zu machen, wären Kirche und Diakonie wichtige Player und könnten Mit-Gestalter sein. Oder sind sie doch noch zu sehr in der Gedankenwelt früherer Jahre stehengeblieben – zumindest, was die Mehrheit und Führung angeht? Das Thema werde ich später noch mal aufgreifen.


Ein Kommentar

  • mtuerk

    19. August 2016

    Auf Deinen Beitrag bin ich erst heute (!) aufmerksam geworden. Für mich ist. die re:publica stets Highlight des Jahres, weil Seismograph der (digitalen) Gesellschaft. Sessions von Kirche und Diakonie auf der re:publica, ich bin dafür. Aber wo sind unsere innovativen Cases, die digitale Natives beeindrucken können?

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