tl;dr - too long, didn't read

tl;dr – Schlaglichter von der re:publica 2019

Es war wieder re:publica-Time in Berlin. Diesmal lag mein Focus auf Community-Management. Welche Tipps und Hilfen gibt es bei kritischen Kommentaren. Wie viel sollte man mit-diskutieren oder doch besser „laufen lassen“? Ein anderes Thema war: Rechte Gruppen und Netzwerke. Was machen sie anders, gelegentlich auch erfolgreicher – oder was fehlt den „Normalos“? Und dann gab es da noch die üblichen Sessions, Meetings, Kontakte, ohne die eine re:publica keine ist. Aber der Reihe nach.

Was hat mich interessiert an dieser, meiner vierten Teilnahme an der re:publica?

Tl;dr – too long; didn’t read,

so das Motto, unter dem sie in diesem Jahr stand. Gleich in der Begrüßung durch die Veranstalter der re:publica 2019 wurde deutlich: Es geht nicht um das Verkürzen zu langer Botschaften, sondern um das Gegenteil. Wir sind es so gewohnt, alles kurz und knapp zu fassen und immer noch weiter zu kürzen, so dass Wesentliches oft genug auf der Strecke bleibt. Unter der Annahme, dass nur die Kürze zählt wird vereinfacht, simplifiziert, verknappt und am Ende stehen nur Schlagworte, Headlines, Slogan. Da bleibt eine weitergehende Auseinandersetzung mit Themen und Inhalten auf der Strecke.

Deshalb der Aufruf in diesem Jahr: Ja, es braucht die lange Rede, den Diskurs, den Faktencheck, die Auseinandersetzung mit einem Thema. Es braucht vor allem Entschleunigung und Zeit, um einfache Antworten auf ihre Grundlage und Tragfähigkeit abzuchecken.

Interessant war gleich zu Beginn, dass der Bundespräsident mit einer Keynote eröffnete. Das zeigt die Relevanz dieser Veranstaltung. Sein Plädoyer für mehr Demokratie in der Digitalisierung und mehr Digitales in der Demokratie machte deutlich, nur im Miteinander können und müssen wir gestalten. Entweder – Oder geht nicht.

Was ist normal?

„Erschreckend normal“ fand ich dann den ersten Vortrag zu:
The Kids are Alt-Right: Wie die Neue Rechte Influencer erschafft und nutzt mit Sören Musyal und Patrick Stegemann.

 

Live-Video zum Vortrag

Erschreckend deshalb, weil die beiden aufgezeigt haben, wie „normal“ es ist, dass es rechte Kochshows, rechte Reiseblogs, rechte Influencer usw. gibt. Wie Modelabels nicht mehr nur plump, sondern sehr „normal“ daher kommen und wie populäre Musik einfach gecovert und mit rechten Inhalten versehen wird. Dabei ist es nicht das Ziel, die eigene Klientel zu bedienen, sondern die Unzufriedenen abzuholen, sich so normal wie möglich zu geben und so die eigene Reichweite in der Gesellschaft zu verbreitern. Beängstigend, wie subtil das inzwischen geht.

Zwar haben die Mobilisierungsaufrufe in der Szene wenig Erfolg. Aber dieses Abkupfern, und Anpassen an den Mainstream und damit das „Abholen“ der Unzufriedenen, macht Sorge. Wie lange wird das gehen, wann schlägt es um und vor allem: Wo bleibt die Antwort der demokratischen Kräfte?

Community-Management

Aufräumen im Trollhaus – Hetze und Gegenrede im Kommentarbereich.

Live-Video zum Vortrag

Interessant fand ich hier die Studie der Uni Düsseldorf, vorgestellt von Marc Ziegler. Er hatte mit seinem Team untersucht, wie sich das Verhalten von Community-Managern auf die Diskussionskultur in Kommentarspalten auswirkt. Der Link zur Studie: Studie: Aufräumen im Trollhaus

Ihr Fazit: Je nachdem, wie Verantwortliche in die Diskussionen reingehen, steuern sie deren weiteren Verlauf. Entweder befeuern sie sie oder versachlichen. Dringende Empfehlung: Die Diskussion keinesfalls sich selbst überlassen, sondern in jedem Fall steuern. Aber das braucht Ressourcen und die müssen Unternehmen ihren Kommunikatoren heutzutage bereitstellen.

Das Netzgemeindefest

Treffen der Netzgemeinde

Dritter wichtiger Termin war für mich das Treffen der digitalen Kirchenszene beim Netzgemeindefest. Leider fand das Treffen wie im letzten Jahr auf dem “Meetup 1” statt und war damit – aus meiner Sicht – immer noch eine Randerscheinung auf der re:publica. Denn auf dem Meeting-Point, umgeben von piepsenden und sonstigen Geräuschen war an eine gemeinsame Diskussion nicht zu denken. So blieb es beim Fachsimpeln und Austauschen in kleineren Gruppen. Themen gab es genug. Z.B. Datenschutz, Video und Community-Management. Das war zumindest die „Vorgabe“. Wie wäre es mal mit einer Session zu einem Thema, bei dem Kirche und Diakonie ihre Kompetenz einbringen können?

Was bleibt am Ende?

Zwei Beobachtungen:

  1. Nach wie vor finde ich es bemerkenswert, wie die rechte Szene das Internet und hier vor allem der Social Media Kanäle zu nutzen versteht. Alles, was im Mainstream funktioniert, verwenden sie und unterlegen es mit ihrem Gedankengut. Sie teilen, liken, sharen ihre Beiträge über die eigene Community und schaffen damit gegenüber den Algorithmen die Relevanz, die sie (technisch) nach oben spült. Sie erlangen so eine Aufmerksamkeit, die sie im realen Leben oft nicht haben.

Meine Fragen: Warum gelingt uns das in der Diakonie (und Kirche) nicht? Woran scheitert es, dass wir die eigenen Netzwerke nur sehr begrenzt und überschaubar aktivieren können? Wie schaffen wir es, aus der eigenen Filterblase herauszukommen und den Mainstream in gleicher Weise zu nutzen und positive Werte zu vermitteln? Wir haben doch eine Botschaft!

In der rechten Szene ist allen bekannt und bewusst, wie man das Instrumentarium nutzen und spielen muss. Sie spielen mit Empörung, Instinkten und gehen an oder auch über die Grenzen. Alles einkalkuliert. Das Ziel ist Aufmerksamkeit. Einen Diskurs wollen sie nicht. Denn das würde Auseinandersetzung mit dem System bedeuten. Ihnen geht es um ein anderes System, weil das jetzige in ihren Augen versagt hat. Deshalb gibt es keine Diskussion.

Klar kostet das Geld, braucht es Gesichter (Influencer). In der rechten Szene scheint dies da zu sein.
Diakonie (und Kirche) hat die Themen, kann sie spielen, betrachtet aber das Web und die Sozialen Netzwerke nur allzu oft noch als Kür und zu wenig als Pflicht, in die (richtig) investiert werden muss.

Was wir brauchen, ist eine neue Relevanzbewertung. Kommunikation kostet nun mal Geld. Wir müssen endlich anfangen, die neuen Wege zu nutzen und richtig zu gehen und auch mal neu zu denken.

  1. Digitalisierung, Vernetzung mit anderen Gruppen in der Zivilgesellschaft sind wichtige Themen.
    Aber bei einem Treffen, wie der re:publica entsteht der Eindruck, da fahren Züge aneinander vorbei: Die Netzgesellschaft will mobilisieren, neue Partner gewinnen, gesellschaftliche Diskussionen führen und befördern.
    Kirche, Diakonie, Wohlfahrt werden aber als Partner nicht so richtig erkannt oder als solche auch nicht gesehen.
    Zum Glück war das Deutsche Rote Kreuz mit einem Thema und Stand präsent. 

Auf der anderen Seite suchen Kirche und Diakonie nach neuen Partner in der Zivilgesellschaft und wollen eine breite Vernetzung. Demokratieentwicklung, gesellschaftlicher Diskurs, Spaltungen überwinden, Stadt-Land-Gefälle sind nur drei der relevanten Themen. Aber es sind die „alten“ Partner, die gesucht werden und mit denen man unterwegs sein will.
Die „neue“ Zivilgesellschaft, die Jungen, die netzaffinen, werden nicht wirklich wahrgenommen. Die Politik sieht sie zunehmend, wie die große Präsenz von Ministern, Staatssekretären etc. auf der re:publica deutlich gemacht hat.

Meine Fragen: Was muss passieren, damit Diakonie und Kirche mehr die Potentiale erkennen in der „neuen Netz-Zivilgesellschaft“ und man sich gegenseitig unterstützt?
Themen gibt es doch genug, wie zum Beispiel digitale Ethik, Assistenzsysteme, gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt, Land, Nord, Süd usw.

Was bleibt?

Mein Fazit nach drei Tagen: Es ist ein dickes Brett und es wird noch länger dauern, bis Leitende aus Kirche und Diakonie erkannt haben, dass es neue Partner gibt, mit denen die Themen einer modernen Gesellschaft, des Netzes, in gleicher Weise diskutiert werden. Fachleute, die digitalen Vor- und Querdenker in Kirche und Diakonie haben die Zeichen der Zeit erkannt, probieren, testen und entwickeln Ideen. Aber dafür braucht es Unterstützung und Ressourcen. 

Wer im digitalen Zeitalter ankommen will, wer erkannt hat, dass Digitalisierung eine der großen Herausforderungen unserer Zeit ist, muss auch die neuen Wege gehen und mit neuen Partnern reden bzw. gemeinsam handeln. Da ist noch viel Luft. 


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