Ausstellungsfläche auf der re:publica mit etlichen Infoständen rund um die digitale Welt

POP – der “digitale” Kirchentag

Power of People – so das Motto der diesjährigen, 12. re:publica. Entstanden aus einem Blogger-Treffen möchte sie eine digitale Gesellschaftskonferenz sein. Das heißt, aus digitaler Sicht Themen, Strömungen und Entwicklungen in der Gesellschaft diskutieren. Manches an dem Treffen erinnert an Kirchentage: Speaker, Foren, viele Diskussionen und ein Aufreger-Thema.

Gleich zu Beginn war da der erste Aufreger: Die Bundeswehr stand vor den Toren der re:publica und beschwerte sich mit einer Guerilla-Aktion, weil sie nicht dabei sein durfte. Also fuhren sie mit einem Wagen vor und der Aufschrift: „Zu bunt gehört auch grün“. Eine Aktion, die für viel Diskussionsstoff gesorgt hat.
Meiner Meinung nach haben hier beide Seiten wenig professionell reagiert: Die Bundeswehr hat einen auf beleidigt gemacht, weil der private Veranstalter sie nicht zugelassen hat. Auf der anderen Seite wäre es sicher spannend gewesen mit der Bundeswehr auf einem Panel zu diskutieren, wie denn Verteidigung im Cyberraum aussieht und was man beispielsweise von ihr lernen kann für den eigenen, friedlichen (!) Widerstand gegen Populisten, Hater und so. (Hier gibt es die ganze Geschichte incl. Links)

Eine zweite Beobachtung: Auch in den Diskussionen, Themenpanels und Talkrunden war der rechte Populismus, die AfD immer wieder ein Thema, an dem man sich abarbeitete. Nur anwesend war keiner. Ganz bewusst wollte man sie nicht dabeihaben, ihnen keine Bühne bieten. Das ist durchaus verständlich und nachvollziehbar. Nur wird es auf die Dauer schwierig immer nur „über“ aber nicht „mit“ ihnen zu reden.

So schwierig das auch ist, aber sie sind Teil dieser Gesellschaft und wir müssen miteinander einen Weg finden, den Diskurs zu führen. Dieses ewige „dafür“ oder „dagegen“, technisch gesprochen also „1“ oder „0“ hilft nicht. Es gibt dazwischen jede Menge Abstufungen, über die wir reden müssen.

Ein Drittes: Manche Diskussionen hinterließen bei mir den Eindruck einer Untergangsstimmung. Ein paar Beispiele:

  • Minderheiten kommen in der gesellschaftlichen, medien-öffentlichen Diskussion nur bei wenigen Themen vor. Behinderte, muslimische, afrikanische Menschen werden nur zu „ihren“ Themen eingeladen, aber nicht zu allgemeinen wie zum Beispiel Finanzmarktfragen.
  • Hass und HateSpeach werden in ihren großen Auswirkungen diskutiert und als (abschreckende) Bedrohung dargestellt. Appellative Aufforderungen, sich dagegen zu stellen haben dann eher den Charakter von Rufen im dunkeln Wald.
  • An manchen Stellen spürte man auch etwas von „Internet-Müdigkeit“. Alles schon mal da, nichts Neues. Ok, Verbesserungen ja. Aber der Drive ist so etwas zurückgegangen.

Ein paar Eindrücke aus den Veranstaltungen.

„Die Revolution disst ihre Kinder – alte Linke, neue Rechte und das Internet“

(Youtube-Link zur Aufzeichnung)

Gegenübergestellt wurden die Protestbewegungen der alt-68er im Westen und die neue Rechte der Jetzt-Zeit. Beide lehnen sich gegen Institutionen auf, die Regierung, etablierte Strukturen. In den 68er Jahren standen die Freiheitsrechte im Fokus und waren das zentrale Element. Im Rückblick auf die vergangene Zeit ist das Urteil: Es wurde viel erreicht. Es könnte besser sein, ist aber schon ok so. Was bleibt sind doch jetzt nur „Nischen-Themen“.

Dagegen stellt sich der neue rechte Populismus. Wie die 68er damals möchte er „Bewegung“ sein, weniger Organisation. Deshalb auch der Anspruch der AfD, der schweigenden Mehrheit wieder die Macht zurückzugeben und ihre Stimme sein zu wollen. Als Speerspitze wollen sie die Bewegung führen.

Den erreichten gesellschaftlichen Konsens infrage zu stellen, ist für sie attraktiv und Sinnstiftend. Sie sehen die linke Idee, dass der Mensch grundsätzlich positiv eingestellt ist und man nur diese Kräfte fördern müsse für grundsätzlich gescheitert.

Sie sehen die Entwicklung im Land als gescheitert an. Merkels Satz „Wir schaffen das“ ist für sie zum Symbol einer gescheiterten Politik geworden. Der Staat ist faktisch handlungsunfähig und muss zurückgeführt werden zu den konservativen Werten. Ihr Weltbild ist der fehlbare Mensch, der Führung und Ordnung braucht. Dafür braucht es Leitfiguren, Kirche und einen starken Staat, den aber nur sie schaffen können.

Es war spannend, dem Panel zu folgen. Denn wenn die Kinder- und Enkelgeneration der Alt-68er mit einem Mal davon spricht, dass die alten, damals über Bord geworfenen Institutionen und Werte heute wieder ins Boot geholt und verteidigt werden müssen (Medien, Kirchen, Glauben), dann ist das mehr als spannend. Weil sich natürlich gleich damit die Frage verknüpft: Wie gehen die genannten mit ihren neuen Rollen und Aufgaben um?

„Filter Clash: Die große Gereiztheit der vernetzten Welt“

(Youtube-Link zur Aufzeichnung)

Für mich sehr interessant war auch die Frage von Prof. Bernhard Pörksen, ob unser Reden und Denken von Filterblasen so stimmt.  Er sagte: Nein, es gibt keine Filterblasen. Indem wir die Kommunikation in Filterblasen verorten, delegieren wir die Fähigkeit zu denken an Algorithmen und erklären: Sie sind an allem Schuld.

Unser Denkbild ist falsch, weil wir soziale Probleme technisch erklären. Menschen haben die Fähigkeit zu Denken. Sie können die Filterblasen wechseln, sich mit neuen Ansichten auseinandersetzen. Es ist aber die Sehnsucht nach Bestätigung und Anerkennung, die die Technik bedient und uns somit eine Welt vorgaukelt, in die man sich aus Bequemlichkeit hineinbegibt. Sie wird für die einzig richtige Sicht auf die Dinge gehalten.

Deshalb sollten wir aufhören von Filterblasen zu sprechen und den Fehler der Technik zuschieben. Nicht die Algorithmen sind schuld. Der Mensch muss sich mit ihnen auseinandersetzen.

Zur Zukunft der Arbeit

Eine andere spannende Diskussion war die, um die Zukunft der Arbeit. Waren es bei der ersten industriellen Revolution Maschinen, die die Knochenarbeit übernahmen, schloss sich dann eine Revolution im Dienstleistungsbereich an. Die Digitalisierung wiederum übernimmt jetzt Routineaufgaben. Damit ergibt sich die Frage, so der Philosoph Richard David Precht, ob es noch zeitgemäß ist, von 9 bis 17 Uhr ins Büro oder „auf Arbeit“ zu gehen oder ob der Mensch nicht sinnvolleres mit seiner Zeit anfangen kann. Wenn Arbeit an sich weniger wird, vieles von Maschinen erledigt werden kann entsteht schon die Frage, müssen wir „Arbeit“ nicht neu definieren und beschreiben. Oder ist Erwerbsarbeit das einzige, auf ewig Richtige?

In einer anderen Diskussion stand unter dem gleichen Blickwinkel die Frage nach „Bürgerarbeit“. Ein Ansatz zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt. Bürgerarbeit verstanden als Engagement, Einsatz für das Gemeinwohl und gegen eine Aufwandsentschädigung. Vielleicht sogar aufgestockt bei einem bedingungslosen oder solidarischen Grundeinkommen (?).

Ein paar Links dazu:

 

Nach Nizza und München – die Anatomie eines Shit-Tsunamis

(Youtube-Link zur Aufzeichnung)

Eine der bewegendsten Sessions war sicher die Schilderung von Richard Gutjahr und seinem Shit-Tsunami. Er zeigte in der Darstellung der Ereignisse von Nizza und München und seinen persönlichen Learnings, wie das Netz die untersten Instinkte von Menschen bedient und sie sich in einem scheinbar rechtsfreien Raum austoben, nur um andere Menschen zu vernichten. Mit Standing Ovation wurde ihm und seinem Anwalt Respekt gezollt. Denn dies ist nichts gewesen, was man einfach so wegstecken kann.

Für mich die Erkenntnis dabei: Es gibt Mechanismen, nach denen solche Attacken ablaufen. Nicht nur bei Gutjahr, sondern auch dem Massaker in Portland (Februar 2018) und anderen traurigen Ereignissen ging es ähnlich zu. Oft mit den gleichen Leuten. Und es gibt Wege, denen zu begegnen.

Sicher werden nur die wenigsten von uns ähnliches erfahren (müssen). Und doch können wir davon lernen. Warum nicht Anlaufstellen schaffen, die Betroffenen helfen (Mobbing, Ausgrenzung, Hass beginnt im Kleinen). Warum nicht mehr von ähnlichen Communities wie #ichbinhier aufbauen, die sich vernetzen und Betroffenen helfen. Wie können wir das Netz mehr für good News nutzen und es nicht Fake News überlassen und dafür die entsprechende Resonanz und Reichweite aufbauen.

„Netzgemeindefest“

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass auch Kirche (evangelisch, katholisch, freikirchlich, etc.), Diakonie, Caritas und Wohlfahrt zum zweiten Mal ein „Netzgemeindefest“ veranstalteten. Es war schön, sich zu treffen und auszutauschen. Und mit gut 100 Vertreterinnen und Vertretern waren auch nicht zu wenig da. Allerdings würde ich mir für die kommende re:publica wünschen, dass auch inhaltlich mehr passiert. Manches, was im Bereich Kirche, soziales Engagement, Dienst am, mit, für den Nächsten passiert, findet sich nur auf kleinen Bühnen. Da geht mehr.

Die Kolleginnen und Kollegen von katholisch.de haben dazu etwas geschrieben: re:publica: Das bewegt die #DigitaleKirche

Fazit:

Eine Konferenz zu Digital-Themen und Gesellschaft ist in einigen Punkten ein wichtiger Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen. Dies müssen wir aufmerksamer als bisher auch in Diakonie und Kirche wahrnehmen und mehr Präsenz zeigen. Lernen können wir allemal voneinander und miteinander.

Nachtrag:

Für alle, die noch mehr lesen und sehen möchten, sei hier auf den Youtube-Kanal der re:publica verwiesen, der viele der Vorträge bereit hält. Ein paar für mich interessante Panels waren auch:

Empfehlenswerte Blogs gibt es zum Beispiel hier:


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