WhatsApp

Daten sind die Währung im Netz

Immer wieder habe ich in den letzten Tagen und Wochen Beiträge zur Nutzung von WhatsApp und der Datenübermittlung an Facebook  gelesen und dann gedacht: WhatsApp – na und? Wo ist das Problem?

Denn seien wir doch mal ehrlich: Das war doch zu erwarten, dass Facebook beide Produkte enger miteinander verbindet. Oder etwa nicht?? Warum dann der Aufschrei und die Empörung darüber?

Als Argument wird angeführt, dass User nicht mehr selbst entscheiden können, ob sie der Weitergabe von Verkehrsdaten und Telefonnummer von WhatsApp an Facebook zustimmen oder widersprechen wollen. Facebook macht es einfach.

Verbraucherschutz und Datenschutz – die „Aufpasser“ vom Amt

Stein des Anstoßes war wie gesagt die Ankündigung von Facebook, die Verkehrs- und Metadaten von WhatsApp mit den gespeicherten Daten bei Facebook zu verbinden. So sollten durch den Abgleich der Telefonbücher neue Kunden für Facebook gewonnen werden, denn nur dort können Werbeeinnahmen generiert werden. WhatsApp kennt (noch) keine Werbung. Die Meta- und Verkehrsdaten von WhatsApp zeigen, wo die jeweiligen Nutzer unterwegs sind, welche Kontakte sie haben, was dann im Abgleich mit den Facebookdaten Rückschlüsse über Kaufverhalten, Bildungsstand usw. zulässt. So kann Werbung in Facebook noch gezielter und genauer ausgespielt werden.

Verbraucherschützer haben Facebook für dieses Vorgehen abgemahnt und nach Verstreichen der Frist ist jetzt mit einer Klage zu rechnen.

Der Datenschutzbeauftrage von Hamburg, Johannes Caspar,  hat Facebook in einer Verwaltungsanordnung den Datenabgleich ebenfalls untersagt. Aber auch hier sieht es so aus, dass das letzte Wort wohl die Gerichte haben werden.

Die meisten von uns verlassen sich auf diese beiden Institutionen. Sie werden es schon richten und man kann ja eh nichts oder nur wenig dagegen machen. Die Risiken und Gefahren werden heruntergespielt. Sollen sie doch.

Auf der einen Seite sind diese Schritte absolut richtig. Denn das ist der Job der beiden Institutionen. Andererseits entsteht der Eindruck, es ist ja doch eine Entwicklung, die sich nicht stoppen lässt.

Also ist der Kampf der beiden Organisationen vergeblich? Sicher nicht. Auch wenn die letztlich gerichtlich geführte Auseinandersetzung die Entwicklung nicht aufhalten wird, ist sie notwendig. Denn sie trägt dazu bei, dass Bewusstsein für den Umgang mit Daten zu schärfen. Letztlich ist die Frage nach dem Umgang mit den eigenen Daten eine existentielle Frage – oft ist das aber viel zu wenig im Bewusstsein.

Mehr Daten – bessere Angebote?

Aber: zum einen ist es ja nicht schlecht, was Facebook da umgesetzt hat. Denn es führt ja nicht nur dazu, dass Facebook sich neue Kundensegmente erschließt und noch größer werden kann. Auch die Nutzer haben einen Vorteil: Die Werbe- und Informationsangebote, die Facebook in der Chronik einblendet, werden genauer. Denn es erscheint nur das, was auch wirklich interessiert oder was Facebook meint, was für einen interessant sein könnte ;-).  Das ist schon ein Vorteil, wenn einem die eigene Timeline nicht mehr mit allem zugemüllt was, was einen eh nicht interessiert.

Der Mehrwert von Facebook steigt, wenn so ein weiterer Baustein dazu beiträgt, aus der Masse an Angeboten das relevante für einen selbst herauszufiltern.

Auf der anderen Seite steht dann natürlich, dass diese Netzwerke einen immer besser kennen, was irgendwie auch unheimlich wird. Denn auf Grund der bereit gestellten Daten, der Analyse von ihnen können Prognosen und Vorhersagen in die Zukunft getroffen werden. Der Mensch wird gläsern und transparent oder schlicht „berechenbar“. In gewisser Weise wird mir damit mein Handlungsspielraum genommen. Überspitzt gesagt führt das dazu, dass Dritte entscheiden, was gut und richtig für mich ist. Mein Einfluss ist sehr begrenzt. Zugegeben: Ein Horrorszenario. Aber die Herausforderung und die Mahnung bleiben, sich immer wieder der eigenen Freiheit bewusst zu sein und sie zu leben, sich nicht in die Abhängigkeit von Netzwerken zu begeben und nach Alternativen bzw. Optionen zu suchen.

Wäre deshalb der Wechsel zu anderen Messengern wie Threema, Telegram oder Signal ein Ausweg, so wie ihn manche jetzt dringend empfehlen? Wenn dort alle Kontakte sind, ist das sicher eine Option. Aber für die meisten doch wohl eher nicht. Und wer etwas tiefer gräbt, findet auch dort nicht nur Gold.

Daten sind die Währung im Netz

Meiner Meinung nach geht die Diskussion am Kern der Sache vorbei. Denn der Umgang mit Daten hat noch eine ganz andere Seite.

Wir alle miteinander haben uns an die „Kostenlos-Kultur“ im Internet gewöhnt und sehen sie als Standard und Selbstverständlichkeit an. Für etwas zu bezahlen ist für die meisten verpönt. Egal, ob es Tools, Systeme oder Inhalte sind. Aber irgendwer zahlt für die ganze Kostenlos-Kultur. Dafür, dass unsereins schnellen Service, schnelle Informationen bekommt, Shops, Websites laufen. Das kostet doch! Je größer, desto mehr Technik ist erforderlich. Eine Art der Währung sind Werbebanner und andere Werbeformate. Wenn aber immer mehr Adblocker Werbung verhindern, was dann?

Experimentiert wird auch mit Bezahlangeboten. Micropayment,  Abo-Angebote sind Versuche, Erlöse zu erwirtschaften, um weniger Werbung zu schalten. Der Erfolg ist aber eher mäßig, da die „Kostenlos-Kultur“ eben sehr verankert ist.

Eine dritte Option ist das Bezahlen mit Daten. Daten sind die Währung der digitalen Welt. Sicher ist das den meisten irgendwie bewusst und nicht neu. Aber wer hat schon die Konsequenzen bis zu Ende gedacht. Ich denke, dass es eine schöne Utopie ist, Herr über die eigenen Daten zu sein. In der Realität sind das längst andere.

Die Schufa beispielsweise entscheidet darüber, ob ich kreditwürdig bin oder nicht. Beeinflussen kann ich mein Scoring dort nicht, da sie nicht verpflichtet sind offen zulegen, wie sich die Bewertung zusammensetzt. Geschäftsgeheimnis. Zwei, drei Anfragen bei der Bank meines Vertrauens, und das Scoring sinkt.

Einmal bei Amazon stöbern und jede danach besuchte Website weiß, wofür ich mich interessiere (Ich weiß, man kann es ausschalten, später löschen und umgehen).

Google kennt mein Standort, weiß, was mich interessiert, welche Websites ich besuche und kann daraus Rückschlüsse ziehen über Einkommen, Bildungsstand, soziales Milieu, Job, Familie usw. usw. Entsprechend dieser Meta-Daten bekomme ich die Antworten auf meine Suchanfragen. Denn das Ziel von Google ist doch, auf die eine Frage die ich habe, genau die passende Antwort zu geben und keinen Strauß von Optionen oder möglichen Antworten.

Und genau in dieser Linie sehe ich auch Facebook. Mark Zuckerberg und seine Leute haben klar erkannt und setzt es konsequent um: Verkehrsdaten von Usern wie auch Userdaten sind die neue Währung des 21. Jahrhunderts. Für den ganzen Service, die Plattform mit den unterschiedlichsten Angebots- und Austauschmöglichkeiten wird von den Nutzern kein Cent erhoben – sie zahlen mit ihren Daten. Dafür dass ich mich mit meinen Freunden vernetze, austausche bekommen ich Werbung angezeigt, die meinen Interessen entspricht. Die Chance, diese Angebote auch zu nutzen ist damit recht hoch. Streuverluste entsprechend gering. An dieser Linie arbeitet Facebook und baut die Angebote entsprechend weiter aus.

Deshalb dient auch der Datenabgleich zwischen WhatsApp und Facebook genau diesem Ziel: Nutzerbasis für Facebook erhöhen, stabilisieren und gleichzeitig die Nutzer noch besser kennen zu lernen, damit die Werbung weiter passgenau ausgespielt wird. Wir alle zahlen mit unseren Daten. Das ist per se nicht falsch oder schlecht. Aber man sollte sich dessen bewusst sein und die Folgen genau bedenken.

Was folgt daraus für den Umgang mit Daten?

Beim Vergleich zum Umgang mit Geld wird das schnell klar: Geld will als Erstes verdient sein. Dafür gehen die meisten in der Regel arbeiten. Geld will so dann verwaltet, geschützt bzw. sicher verwahrt werden. Im Normalfall weiß man, wo sich das persönliche Vermögen befindet, bei welcher Bank es liegt, wie hoch das Guthaben ist, wo es angelegt ist. Die genauen Summen gehen nur wenige was an.

Beim Geldausgeben überlegt man sich, wofür es eingesetzt wird. Beim Einkaufen, muss der Preis für die angebotene Leistung oder das Produkt stimmen bzw. in meinen Augen angemessen sein. Nur dann bin ich bereit für das Geschäft.

Kurzum: Sorglosigkeit oder leichtfertigen Umgang mit Geld macht keiner. Das eigene Geld soll schon sinnvoll eingesetzt werden.

Mit „Daten“ bezahlen

Warum also nicht die gleichen Kriterien anlegen für den Umgang mit den persönlichen Verkehrs-, Meta- und sonstigen Daten im Web? Das hieße doch

  • genau überlegen, welche Daten auf einer Seite eingegeben werden und welche besser nicht
  • von Zeit zu Zeit einfach mal die Browserdaten, Verläufe, Cookies und sonstigen Spuren löschen
  • bei sensiblen Daten (Beratung, Hilfe, Seelsorge, etc.) auf Verschlüsselung und sichere End-zu-End-Verbindung achten
  • nicht auf Anonymität beim Posten von Inhalten zu vertrauen. Es gibt immer Spuren, die übrig bleiben. Wer dies ganz ausschließen will, braucht schon ausgewiesene technische Kenntnisse.
  • regelmäßig die Profil-Einstellungen bei Facebook und anderen Netzwerken checken: Ist das alles noch so, wie ich es will?
  • sich immer bewusst sein: „Ich bezahle für jede kostenlose Dienstleistung, für jedes Angebot mit meinen Daten“. Ist es mir das wert?

Das wird nicht ganz ohne Kompromisse gehen. Aber je mehr mir dies bewusst ist, desto sorgsamer ist mein Handeln. Dann kann ich auch im persönlichen Bereich verantwortlich mit solchen Datenkraken umgehen, wie es Facebook nun einmal ist.

Fazit

Es ist gut, wenn Verbraucherschutzorganisationen und Datenschützer hier genau hinschauen und dem Ganzen Grenzen aufzeigen. Nur entbindet das niemanden von der persönlichen Verantwortung und einem sorgsamen Umgang mit den eigenen Daten.


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