Zwei Festplatten im Gras

Was vom Leben bleibt …

Zugegeben, die Frage: „Was vom Leben bleibt“ ist eine, die man sich – vielleicht – erst im Alter stellt. In jungen Jahren ist das kein Thema. Warum ich sie doch anspreche, hat mit einer Geschichte zu tun, die mich in den vergangenen Tagen immer wieder mal beschäftigt hat.

Die Frage impliziert einen Rückblick: Was war in den vergangenen Jahren. Was hatte man erlebt und hat einen vielleicht nachhaltig geprägt. Wo gab es besondere Weichenstellungen, die die Richtung des Lebens verändert haben. All das sieht man quasi wie im Rückspiegel; eben mit dem Blick „zurück“.

Als junger Mensch schaut man aber eher nach vorne, weil das Leben noch vor einem liegt. Da gibt es die bekannten Sätze: „wenn ich groß bin, dann…“ „Wenn ich dies oder jenes Ziel, die Berufsstufe, den Abschluss erreicht habe, dann…“ usw. Man macht sich keine Gedanken über das, was war. Warum auch. Es gibt so viel zu entdecken, so viel liegt noch vor einem.

Aber nun zum Thema zurück und wie es dazu kam.

Steckdosen, Kabel und mehr

Vor einiger Zeit brachte meine Frau eine „WLAN-Steckdose“ mit nach Hause. Sie stammte aus einer Wohnung, die sie beräumen muss. Da mich solche Dinge interessieren (wegschmeißen kann man das immer noch) brachte sie später aus der Räumung noch Kabel, weitere Schalter und Steckdosen mit. Alles noch in sehr gutem Zustand. Unter anderem fanden sich in der Sammlung dann auch vier Festplatten, zum Teil noch voll mit Daten.

Auf den Festplatten fanden sich jede Menge Filme, Spiele und auch Backups von Fotos bzw. kleinen Videos. Normalerweise löscht man das, bevor sie das Haus verlassen. In dem Fall aber war es anders:

Der Besitzer, ein 40jähriger Mann hatte sich das Leben genommen. Die genauen Hintergründe sind nicht bekannt. Zurückgeblieben ist eine Wohnung. Voll mit Möbeln, Hausrat, persönlichen Gegenständen und eben jenen „Erinnerungsstücken“.

Man hat unmittelbar den Eindruck: Von einem Moment auf den anderen wurde ein Schalter umgelegt. Das Leben hatte geendet. Die Fotos zeigen einen jungen Mann mit seiner Familie. Sie waren unterwegs, die Welt entdecken. Europa, Übersee, Asien – es waren Menschen, die das Leben liebten, denen es gut ging, eine ganz normale Familie eben. Er war offensichtlich neugierig, wollte die Welt entdecken. Job, Wohnung, Einkommen, Hobbys; es war alles so, wie bei jedem anderen auch.

Was bleibt am Ende übrig?

Und doch muss es einen Punkt gegeben haben in seinem Leben, an dem er keinen Ausweg mehr wusste. Das Leben, so wie er es sah, führte in einen Tunnel ohne Ausweg, ohne Rückkehr. Was bleibt dann noch? Was bleibt vom Leben? Was ist wichtig? Sind es die paar Kabel, Stecker und Daten? Die Möbel, der Hausrat? Die Erinnerung an ein gelebtes Leben? Was bleibt am Ende.

Seine Familie wollten von allem nichts haben. Es interessierte sie nichts. Sollten doch andere mit der Wohnung machen, was sie wollten.

Die Fotos erzählen Geschichten, geben Einblicke und zeigen ein normales Leben, das doch so abrupt und tragisch endet. Was bleibt am Ende übrig – diese Frage stellt man sich unwillkürlich.

Natürlich sind die Daten inzwischen unwiederbringlich gelöscht. Was von den Sachen keine Verwendung fand, wurde fachgerecht entsorgt. Was aber bleibt ist diese Frage. Beantworten kann man sie nur rückwärts, indem man zurückschaut, auf das, was war. Herausgerissen aus dem Leben. Im Tunnel keinen Ausweg gefunden, kein Licht gesehen, keine Hoffnung mehr gehabt.

Der Blick in ein „anderes Leben“

Mich beschäftigt dieser Gedanke, diese Frage, seitdem ich einen Blick in ein anderes Leben geworfen habe.Am Ende hat es niemanden mehr interessiert. Aufgeräumt, entsorgt, verteilt und weggeworfen. Was ihn interessiert hat, interessierte jetzt keinen mehr.

„Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot. Er ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird,“ sagte Immanuel Kant einmal. Mir ist das zu wenig, darauf zu hoffen, dass sich meine Nachfahren mal erinnern oder irgendwo Erinnerungsstücke, egal ob analog oder digital finden lassen.

Paulus sagt zu seinem Mitarbeiter Timotheus: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, das Ziel erreicht und den Glauben unversehrt bewahrt.“ (2. Timotheus 4,7, Neue evangelistische Übersetzung). Was wird man von dir oder mir sagen? Wie schön wäre es, wenn das auch für dich und mich gilt: Im Glauben verbunden sein mit Jesus Christus.

Was vom Leben bleibt?

Die Antworten auf die Frage an das eigene Leben blicken zurück auf schöne, bewegende Momente, an die man sich gern erinnert. Sicher wird manches auch zusätzlich verklärt, schön gefärbt und verdrängt. Andere, schwierigere Zeiten werden eher ausgeblendet, beiseitegeschoben. Oder sie waren so prägend, Richtung verändernd, dass die Erinnerung nicht verblasst.

Wie auch immer. Es sind Erinnerungen. Das Leben wird vorwärts gelebt, ins Unbekannte hinein. Rückwärts kann man nur verstehen, warum heute manches so ist, wie es ist. Deshalb will ich dankbar sein für viele Begegnungen, die Freude gebracht, Mut gemacht haben. Dankbar sein, für vieles Geschenkte, Erlebte, Froh- und Mutmachende, Herausfordernde. All das hat das Leben reich gemacht. Es gibt so viel Grund dankbar zu sein.

Auf diesem Fundament will ich weiter stehen und dort wächst das Vertrauen: Gott wird auch die Zukunft gut machen, egal, wie ich sie gerade sehe.

Was bleibt also? Es ist der Moment des Innehaltens, des Wahrnehmens und des sich vergewissern: Leben ist ein Geschenk, das ich dankbar annehmen, nutzen und – ja – l e b e n darf. Tunnelstrecken gibt es immer wieder, sie gehören zum Leben. Wie gut, wenn dann Menschen da sind, die mit gehen, halten und wieder herausführen. Sie sind ein Gottes Geschenk, das jedem zu wünschen ist.


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